Verfangen im Tagebuch

Verfangen im Tagebuch
Geschrieben: 23.Mai 2012

Die Vorhänge sind zu gezogen, die Lichter ausgeschaltet. Eine kleine Flamme fackelt am Docht der Kerze herum. Die rote, etwa fünf Zentimeter große Kerze erhellt das kleine Zimmer. Ich sehe zwei Jungs. Beide sind etwa gleich groß. Der eine, lockige, hellbraune Haare sitzt auf einem Stuhl. Er hat blaue Augen und einen durchtrainierten Körper. Er ist nackt. Der andere Junge hat währenddessen das Zimmer verlassen. Es ist ein Dachzimmer mit nur einem kleinem rechteckigen Fenster. Der andere Junge betritt wieder den Raum und sagt: » Victor, wenn du wüsstest, wie geil du mich machst. « Mir fällt auf, der Junge an dem Stuhl ist dort mit Handschellen angekettet. Seine Hände sind überkreuzt hinter seinem Rücken. Ein Fuß ist jeweils mit einem Seil an einem Fußbein festgezogen. Victor versucht sich erfolglos zu befreien. Er schreit mit paar Tränen in den Augen: » Lenard du blöde Schwuchtel, wart's ab. « Lenard öffnet lachend seine Hose und holt sein erregtes Glied raus. Er zieht sich sein T-Shirt aus. Sein ebenfalls durchtrainierter Körper kommt zur Geltung. Nirgends Pickel, nur ein Paar am Hals. Schön gebräunt zieht er sich auch seine Boxershort aus, auf dessen Hinterseite Have Fun steht. Frisch rasiert und total knackig nimmt er ein großes Tuch und legt dieses zusammen. Lenard verbindet damit die Augen Victors. Seine Augen verlieren immer mehr Tränen. Die blauen Augen sind nun versteckt. Verzweifelt flucht der sitzende Junge: » Was willst du von mir? Lass mich einfach gehen, ich habe dir nichts getan. « Lenard interessiert das sichtlich kaum. Stellt sich auf die Seiten des Stuhls. Sein Glied steckt er in den Mund des weinenden Jungens. Dieser versucht erfolgreich das Glied aus seinem Mund zu entfernen. Lenard holt seine Hand aus und schlägt Victor. » Los jetzt oder ich mache dich zum Weib «, sagt der wütende Junge lachend. Ich entschließe mich das Video auszuschalten. Erst ein Drittel habe ich nun geschaut. Ich möchte mich nun einmal vorstellen. Mein Name ist Philipp. Ich bin Gründer des Kinder- und Jugendclub in Wilhelmshaven. Täglich kommen etwa 30 Teenager im Alter von elf bis sechzehn um mit ihren Freunden zu reden, neue Kontakte zu knüpfen, Spaß zu haben oder einfach mal mit einer neutralen Person zu reden. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. In meinem eigenem Geburtsort habe ich immer freiwillig mitgeholfen. Nun finanziere ich dieses Projekt über Spendengelder verschiedener Sponsoren. Falls jemand ein Problem hat, kann man mit mir gerne reden. Das Video wurde mir per Email geschickt. Per Post kam nun ein Paket an. Es schaut aus, als wäre in diesem ein Buch. Einen Absender gibt es wohl nicht. Kein Name, keine Adresse. Nichts. Ich öffne das Paket vorsichtig und setze mich dabei in mein Büro auf meinen Stuhl. In diesem Paket ist – wie gedacht – ein Buch. Auf dem Buch steht:

Das Leben ist der Weg zum Tod,
jeder entscheidet selbst, wie dieser Weg aussieht.

Fröhliche Tage, traurige Tage,
die wichtigsten Tage gehören hier rein!

Dieses Buch gehört:

Lenard Gebauer

 

 

Dieser Name wurde in der Email erwähnt. In dem Video ist das wohl der Junge, der die sexuelle Tätigkeit wohl dringend brauchte. Ich entschließe mich, das Buch einzupacken und es zu Hause zu lesen. Die Dämmerung ist bereits eingetroffen. Ich steige in mein Auto ein. Das Lied Gewinner von Clueso fängt gerade an zu laufen. Ich denke immer wieder nach, warum dieser Lenard so aggressiv und dringend danach suchte. Eine Antwort finde ich nicht. Mit einem mulmigen Gefühl verlasse ich mein Auto und verschwinde meiner Wohnung. Diese besteht aus einem Bad, einem Wohnzimmer, einer Küche und einem Schlafzimmer. Für mich alleine genügt die Wohnung locker. Der Boden in der ganzen Wohnung ist mit Parkett ausgelegt. Die Tapeten haben alle helle Farben, im Schlafzimmer dunkelrot. Überall an der Wand hängen Bilder, die mir Kinder geschenkt haben. Die meisten sind gemalt. Viele andere haben mir auch ein Bild von sich gegeben, weil sie umgezogen sind oder nicht mehr ins Zentrum kommen dürfen. Alle Bilder, egal ob gemalt oder von sich selbst hänge ich bei mir auf. Ich warte immer wieder auf den Moment, wo ein nun Erwachsener vorbei kommt und sich selbst findet, wie er damals mal im Zentrum war. Ich habe mich fertig gemacht und lege mich im Bett. Meine Nachttischlampe habe ich angeschaltet und ich fange an die zweite Seite des Buches zu lesen:

 

August 2005
Ich fange an nachzudenken, ob es überhaupt Sinn macht umzuziehen. Warum bemerken wir erst jetzt, dass wir uns immer noch lieben. Warum sind 3 Tage Liebe vor einem Umzug so intensiver als 9 Wochen Beziehung am Stück? Ich verstehe es nicht, doch es bringt nichts. Ich sitze hier nun in meinem neuem Zimmer. Ein Dachzimmer. Ich hasse diese Schrägen. Mein Vater findet es total cool, wenn die Kinder auf einer Etage sind. Eine Etage für sich alleine. Meine erste große Liebe ist nun verschwunden. Doch meine letzten Worte waren: „Wir sehen uns.“ Ich freue mich nun gespannt, wie es alles weiter geht. Neue Schule – ich komme! «

 

Ich blättere weiter. Mich wundert es, wieso man mir dies geschickt hat. Ein Buch in dem jemand sein Tagebuch verinnerlicht hat? Ich lese weiter:

 

Januar 2006
Mit Tränen lag ich gestern in meinem Bett. Wieso denke ich nur an Jungs? Warum schaue ich nur Jungs nach? Warum finde ich Jungs attraktiv? Ich will nicht schwul sein. Ich will normal sein! Warum muss ausgerechnet ich so sein? Wieso kann es kein anderer sein? Mit diesen Fragen bin ich gestern Abend eingeschlafen. Nun gehe ich in die Schule und denke weiter nach, vielleicht finde ich eine Antwort.

 

Juni 2007
Ich habe mich nun endlich auf dieser Seite registriert. Eine Seite, auf der sich nur Jungs befinden. Eine Community für schwule Jungs. Nach und nach komme ich klar mit der ganzen Seite. Täglich werde ich von vielen Jungs anschreiben. Sie machen mir Komplimente und erzählen mir, wie verliebt sie in mich seien. Ich lache und fühle mich doch tatsächlich wohl. Die Suchfunktion benutze ich nun regelmäßig. Total viele Jungs die auch fünfzehn Jahre alt sind und dann noch so süß.

 

Oktober 2007
Verzweifelt sitze ich in meinem Bett. Ich frage mich, warum kann ich nicht einfach glücklich sein. Nun bin ich schon 16 und demnächst werde ich noch ein Jahr älter. Desto älter man wird, desto geringer wird die Chance, einen Jungen zu finden der jünger als man selbst ist. Es ist mein Traumjunge. Er ist jünger als ich und ist einfach nur süß. Viele davon gibt es auf der Internetplattform, die meisten von denen sind nur Fake Bilder von „Google Bilder“, andere antworten mir nicht und ganz andere blockieren mich direkt. Die schönsten Jungen finden mich nicht schön, währenddessen die für mich hässlichsten Jungs mich schön finden. Teufelskreis. Ich nehme mir eine Rasierklinge und beende meine Probleme. Schmerzvoll und erfolglos zu gleich. Schmerzen hindern mich, die Klinge tiefer zu stecken. Zur gleichen Zeit kommen mir die Gedanken: „Nun langt es!“. Ich suche Hilfe – ich will nicht gehen. Meine Mutter würde es nicht wollen. «

 

Ich stehe auf und laufe in die Küche. Ich nehme mir ein Glas Milch mit in mein Schlafzimmer. Rote Backen und mit verschwitzen Haaren laufe ich nun rum. Mich berührt der ganze Kram. Es spiegelt eine Phase wieder. Ein Junge kämpft mit dem Übergang von Hetero auf die Homosexualität. Dabei sucht er seine Grenzen. Lenard hat sie wohl gefunden, aber er hat die Grenze nicht überschritten. Mich interessiert, was er machte. Ob er es bis heute ausgehalten hat? Ich blättere weiter auf Seite 5 und fange an weiter zu lesen:

 

Dezember 2007
Meine Klassenlehrerin meint, ich soll mich mit unserer Sozialpädagogin treffen. Diese habe ich bereits mal per Email angeschrieben und mein Leben erzählt. Sie war fasziniert wie ich schrieb. Ich denke es hilft mir, mit jemandem zu reden.

Februar 2008
Heute hatte ich einen amüsanten Tag. Ein Videodreh mit Victor. Er hat das spitze gemacht. Das Video will ich für mich behalten. Eine Produktion wird damals auf keinen Fall gemacht. Für mich langt es.

März 2008
Suizid - Vor Bahn gestürzt - Todestag 25.März
Beerdigung voraussichtlich Dienstag den 29.März um 10 Uhr auf dem Waldfriedhof in Wilhelmshaven «.

2

Ich schluchze. Das Video hat das Erstellungsdatum 12.Februar 2008 und im selben Monat schreibt Lenard etwas darüber. Warum ist er stolz einen anderen Jungen zu vergewaltigen? Was ist daran so toll? Aber anscheinend hat es ihm Leid getan. Einen Monat später stürzt sich Lenard vor einen Zug. Er hat den Druck anscheinend nicht mehr ausgehalten. Morgen findet diese Beerdigung statt. Ich schaue noch die letzten Seiten durch, sie sind leer. Es ist das Ende eines Buches und das Ende eines Lebens. Mich hätte noch einiges interessiert, doch von ihm werde ich wohl nie etwas erfahren. Ich schlage das Buch zu und lege es auf meinen Nachttisch neben das Glas mit der Milch. Ich schalte das Licht aus und schlafe.
Aus dem Kleiderschrank habe ich mir meinen Anzug raus gewühlt. Traurig habe ich entschieden, dass ich mich auf den Weg mache und zu dieser Beerdigung hin laufe. Der Friedhof ist etwa 13 Minuten von meiner Wohnung entfernt. Er liegt – wie sein Name schon sagt – im Wald. Eine ruhige Gegend. Die letzte Ruhe ist dort wirklich in Frieden. Angekommen sehe ich viele Menschen. Viele jüngere Kinder, die sind bestimmt alle elf oder zwölf laufen schick angezogen herum. Die Erwachsenen sitzen bereits in der Trauerhalle. Ich habe mir heute morgen noch schnell eine weiße Rose gekauft. Ich schleiche mich vor zum Sarg. Auf diesem steht ein Bild. Es zeigt einen fröhlichen Jungen, dessen Augen blau sind. Auf dem Bild scheint es mir so, dass er gar nicht traurig war. Innerlich alles zerstört, nach außen hin prahlt er. Ich lege meine Rose auf den Sarg und setze mich in eine der hinteren Reihe. Neben mir ein kleiner Junge. Er sagt mir, dass er zwölf Jahre alt sei. » Warum bist du hier? Woher kennst du den Jungen im Sarg? «, frage ich. Ich lege meinen Arm um ihm. Seine kleinen Augen füllen sich mit Tränen. Er legt seinen Kopf an meinen Arm. So eine Zuneigung habe ich auch noch nicht bekommen. Er spricht in einem leisem Ton zu mir: » Er passte öfters auf mich auf. Wenn meine Oma mal nicht da ist, kam er vorbei. Er war für mich ein großer Bruder. Sein bester Freund ist vor zwei Jahren weggezogen. Er kommt nur noch selten. Er war auch extrem cool. Zwei große Brüder, die so cool sind wie die beiden, wollte ich immer. Nun sind beide weg, der eine weggezogen, der andere schläft nun schon da vorne in dem braunen Kasten. « Sprachlos drehe ich meinen Kopf wieder nach vorne. Dort fängt ein Pfarrer an zu reden. Mich interessiert der Teil nicht. Ich mache mir Gedanken, wieso gibt Lenard sein Leben auf, wenn er doch so gemocht wurde. Wegen der nicht gefundenen Liebe als Schwuler ein Leben aufgeben ist für mich unverständlich. Die Predigt des Pfarrer ist nur kurz. Er bietet uns an, gemeinsam zu dem Grab zu gehen, wo der Sarg hinab gelassen wird. Der kleine Junge tippst mich an und fragt: » Kannst du mitkommen? « Wunderlich antworte ich: » Ja, klar. « Mit seiner kleinen Hand nimmt er meine und führt mich hinter den anderen Gästen den Weg zum Grab entlang. Hinter uns ist nur noch eine ältere Dame mit ihrem Mann. Gemeinsam bilden wir das Schlusslicht. Wir bekommen von einer Frau, die total rote Augen hat und total mit Tränen kämpft eine Rose. Sie ist wahrscheinlich die Mutter. Der Kleine schmeißt die Rose in das Grab hinein, ich schließe mich an. » LENAAAAARD «, schreit der kleine Junge. Ich blicke dem kleinem Jungen hinterher und drehe meinen Kopf ruckartig zum Sarg. Ich gehe zum Grabstein, und entferne ein großes
Ahornblatt und lese

 

Victor Müller,
geboren 23.Mai 1992,
gestorben 25.März 2008

 

vor. Hinter mir sagt eine tiefe Stimme: » Enttäuscht? Sind Sie nun traurig, dass ich nicht dort liege? «
» Lenard? Lenard Gebauer? «, frage ich verwunderlich.
» Ganz recht. Ich dachte, sie kümmern sich nicht um andere Menschen, die sie nicht kennen? «, antwortet Lenard. Ich weiß nicht, was ich antworten soll, sage dann: » Falsch. Wer sagt so was? «

» Victor. Victors Email an Sie. Er hatte sie mir am 22.März weitergeleitet. Und sie haben innerhalb 3 Tage nicht geantwortet. Sie waren seine letzte Lösung und sie haben nichts gemacht. Ich habe einen 12-jährigen vergewaltigt. Ich habe mich damit befriedigt. Ich habe mich dabei wohl gefühlt. Nun habe ich Schuldgefühle. HILFE! EIN 12-JÄHRIGER!!!! Wollen Sie den Zettel haben? Steht hier schwarz auf weiß. Der Absender und ihre Email Adresse als Empfänger. Am selben Tag haben sie die Email gelesen und wohl gelöscht «, antwortet Lenard. Er macht mich stutzig. Meine Augen werden rot. Ich streiche mit meiner Hand durch meine Haare. Mir geht der Atem aus. Mein Herzpuls steigt. Ich versuche zu erklären:
» Diese Email Adresse schrieb mir andauernd etwas. Immer bin ich nachgegangen und alles was immer nur gelogen. Auf Deutsch: „Verarscht“ hat er mich. Warum sollte dann diese Email stimmen? Woher sollte ich das wissen.. Sag du mir mal lieber, warum du ihn schlägst und misshandelst, das sogar noch aufnimmst? « Ohne Überlegen antwortet Lenard:
» War mir klar, dass Sie das Video nicht bis zum Ende schauen. «

3

 

Hallo Philipp,

 

die letzten Emails waren nicht so gemeint. Entschuldigung für die Ausnutzung ihres Angebot für Hilfestellung von Problemen. Ich habe falsch gehandelt, ich bin nicht im Klarem gewesen, was für einen Aufwand ich Ihnen bereite. Nun habe ich wirklich ein Problem. Bitte glauben Sie mir nun dieses Mal. Ich weiß, sie halten mich für einen Psychopathen, aber es tut mir leid, Mein Leben ist so nach unten gegangen. Ich will Ihnen davon erzählen. Jeden Freitag passe ich und ein Freund auf einen kleinen Jungen auf. Jermaine sein Name. Gestern mussten wir wieder auf ihn aufpassen, diesmal über die Nacht. Seine Eltern wollten über die Nacht nach Paris und dort in einem Hotel übernachten. Ihren Hochzeitstag feiern. Lenard wollte nicht die Nacht mit aufpassen. Er ging um 21 Uhr. Ich war mit dem Kleinem alleine. Er wollte Baden gehen. Ich sagte, er soll dies alleine. Doch er wollte unbedingt, dass ich mit in die Badewanne gehe. ICH WOLLTE ES NICHT! Ich habe einen 12-jährigen vergewaltigt. Ich habe mich damit befriedigt´. Ich habe mich dabei wohl gefühlt. Nun habe ich Schuldgefühle. HILFE! EIN 12-JÄHRIGER!!!!

Ich bin zwischenzeitlich wieder nach Hause gelaufen. Dreizehn Minuten. Vom Waldfriedhof zu meinem Haus. Das Haus steht in einer kleinen Straße. Es ist hier sehr ruhig. Lenard ist nach seinem Satz auch gegangen. Hinter ihm der kleine Junge. Keine Ahnung was er für eine Rolle spielt, wie ein Dackel. Auf meinem Computer konnte ich die letzte Email von Victor wiederherstellen. Mich schockt sie. Er hat zu vor immer wieder versucht, mir etwas anzuvertrauen. Immer bin ich nachgegangen, ich habe nachgefragt und habe mich an die Leute in seinen Problemen gewendet. Sie haben mich nicht ernst gemeint. Victor schrieb danach immer eine neue Email mit dem Inhalt HAHA DU LOSER! Nun soll er einmal die Wahrheit sagen und ich glaube ihm nicht? Ich bin Schuld am Selbstmord eines jungen Menschen? Ich gebe mir nun jahrelang die Schuld an diesem Tod. So kann ich anderen Leuten nicht helfen, wenn ich Leute ignoriere. Ich weiß, ich muss etwas ändern. Das Zentrum muss geschlossen werden.
Im Radio fängt gerade an das Lied Gewinner von Clueso an zu laufen. Das Lied weckt mich wieder aus meinen Gedanken hinaus. » BUMM BUMM «, klopft es extrem laut an der Tür. Ich nehme ein Pfefferspray in die Hand. Einen Spalt öffne ich die Tür. Niemand. Ich öffne die Tür und sehe einen Zettel auf dem Boden. Ich hebe den karierten Zettel auf. Niemand ist vor der Tür. Fenster und Türen sind an den Nachbarhäusern geschlossen. Ich gehe wieder rein und setze mich auf meinen Sessel. Ich öffne den geknickten Zettel und lese vor:

 

Sie sind ein Mörder! Sie treiben Kinder in den Tod!

 

Nun stecken wir die Ironie mal weg. Na, spielen sie immer noch Detektiv? Sie sind Gründer ein Zentrums, eines Jugendzentrums. Sie haben nichts studiert. Sie wissen nicht wie man mit Menschen umgehen muss, aber wollen anderen Leuten helfen? Hören Sie endlich auf zu versuchen, die traurigsten Kindern zu den Fröhlichsten zu machen. In welchem Jahrhundert leben Sie? Wo leben Sie? Seit wann kann jeder das machen, was er will? Wenn Sie anderen Menschen helfen wollen, hören sie endlich auf, in sich das Leben anderer einzumischen.

Ich schluchze. Mir fließen Tränen meinen roten Wangen hinunter. Damit hätte ich nun nicht gerechnet. Meine Entscheidung der Schließung des Zentrums wird unterstützt. Ich muss etwas ändern. Der Brief geht weiter. Zitternd lese ich weiter:

 

Das Leben ist nur der Weg zum Tod. Jeder entscheidet selbst, wie der Weg verläuft. Sie wollten ein Video anschauen und haben es nicht bis zum Ende geschaut. Sie nennen mich als Vergewaltiger? Was bin ich? Ein Vergewaltiger? Sie schauen sich ein Video und sehen zwei Jungs. Einer misshandelt den anderen. SIE SCHAUEN NICHT BIS ZUM ENDE ABER WOLLEN ANDEREN HELFEN? Gehen Sie sofort - wenn Sie das lesen - zum Friedhof. Stellen Sie vor das Grab von ihrem Victor. Nehmen Sie ruhig die Blätter vom Grab, die von diesem grässlichen Ahornbaum andauernd hinunter fallen. Machen Sie Ordnung. Die letzte Ehre?

Ich schnappe mir meinen Schlüssel und mit der anderen Hand meine Jacke. Aus dreizehn Minuten werden weniger. Ich renne zum Waldfriedhof. Mein Herz pocht schnell. Meine Hände fangen an zu zittern. Ich betrete den Friedhof und laufe zum Grab von Victor, Victor Müller. Mir fällt sofort das Ahorn Blatt auf, das immer noch zwischen Victor und Müller klebt. Ich gehe vor und reiße es ab. Ich trete zurück und stelle mich vor das Grab. Meine Hände sind gefaltet. Meine Augen geschlossen. Ich bemerke plötzlich zwei weitere Buchstaben, wo eben das Blatt klebte. Ich lese langsam vor. Meine Augen schließe ich und öffne sie wieder. Kein Traum:

 

Victoria Müller
geboren 23.Mai 1992
gestorben 25.März 2008

Ich drehe mich um. Als ich das erste Mal hier stand, war Lenard hinter mir und fragte, ob ich enttäuscht sei. Plötzlich stehe ich bei 0. Ein kleines Ahornblatt verdecken zwei Buchstaben. Wer zum Teufel ist Victoria Müller? Wer ist dann Victor und vor allem, wo? Ich laufe nach Hause. Mein Herz schlägt normal. Ich bin erleichtert, dass ich kein Mörder bin. Doch nun ist alles anders. Zu Hause angekommen, nehme ich mir einen Zettel und einen Stift. Ich schreibe auf:

 

Hallo Lenard Gebauer,

 

wir sahen uns bis nun einmal und dies war am Friedhof. Nur weil du nicht willst, dass ich mich in Leben anderer Leute einmische, machst du mein Leben zu einem Horrorplatz? Was ist hier wirklich los? Wer ist Victoria und wieso wurde ich hier hin gejagt. Was habe ich damit zu tun?

Ich setze mich direkt in mein Auto und fahre zu einer Schule. Schloss Ansbach. Die einzige Schule innerhalb den nächsten 10 Kilometern. Ich gebe den Brief im Sekreteriat ab. Meine Hoffnungen sind hoch, meine Erwartungen niedrig. Ich begebe mich wieder auf die Heimfahrt. Man erlaubt mir nicht, vor dem Sekretariat,zu warten. Zu Hause angekommen setze ich mich vor meinen Computer. Ich öffne das Video. Es lädt, denn ich habe es bereits vor gespult:

» Los jetzt oder ich mache dich zum Weib «, sagt der wütende Junge lachend. Victor bewegt seinen Kopf, hin und her. Lenards Augen fallen zu. Er beginnt zu stöhnen. Sein Stöhnen wird schneller und lauter. Dann ist es kurz still. Lenard sagt etwas, doch es klopft an der Tür im Dauerzustand. Ich pausiere das Video und will nach schauen, wer Sekunden später immer noch klopft. Jemand schreit: » HILFE! HILFE! «. Ich öffne die Tür. Mein Herz springt ohne Fassung auf, meine Augen werden groß.


4

Ich schluchze. Der kleine Junge steht vor der Tür. Hellbraune Haare die in der Mitte mit Gel nach oben gehalten werden. Er zittert und ihm fließen Tränen den Augen hinunter. Ich bitte ihn herein und schaue, ob er verfolgt wird. Nichts. Ich schließe die Tür und nehme den kleinen Jungen in den Arm. » Was ist passiert? «, frage ich. » Ich kann nicht mehr. Ich flehe sie an, helfen sie mir, bitte. Lenard hat mich angefasst. Es tat weh. Schmerzhaft und mir hat keiner geholfen «, antwortet mir Jermaine, der Name von dem kleinem Jungen. Er setzt sich in mein Wohnzimmer auf die dunkle Ledercouch. Der verstörte Junge gibt mir ein weiteres Buch auf dem steht

 

Nicht jeder lebt für sich,
aber jeder sollte es tun.

Dieses Buch gehört:

Lenard Gebauer


 

Ich setze mich neben den kleinen Jungen, der währenddessen an meinem Arm eingeschlafen ist. Seine Hände kreuzen ineinander, seine Füße liegen auf der Couch. Das Buch hat nur wenige Seiten. Ich blättere mich durch und finde nur zwei Seiten, die voll geschrieben ist. Eine kleine, aber total sauber geschriebene Schreibschrift fällt auf. Ich lese vor:

 

Ich komme damit nicht mehr klar. Meine Trauer hat meine Freude am Leben gefressen. In meinem Herzen herrscht Stille. Ich vermisse mein altes Leben. Ein Junge liebt ein Mädchen und nicht anders. Ich komme nicht damit klar. Ich bin ein schwuler Junge – ein Albtraum. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückspulen und mein Leben anders leben. Es so leben, dass ich nicht so werde. Mit 14 Jahren ziehe ich aus meinem alten Ort um. Ich muss meine Freundin verlassen und sehe sie nie wieder, bis heute nicht. Ich lande in einem Dorf. Meine Eltern wollten hierher, ich nicht. Ich verliere die Interesse an Mädchen. Meine Träume gehen nur noch über Jungs. Meine Blicke landen bei den Jungs. Tag für Tag wird eine Hürde. Ich entschließe mich mit 16 Jahren das Leben zu nehmen. Die Schmerzen hindern mich, tiefer zu schneiden. Ohne Verletzungen schreibe ich heute diesen Eintrag.

 

Ich liebe Victor, doch er ist nicht schwul. Er liebt ein Mädchen. Er hat es mir gesagt. Es ist immer schmerzhaft, einen Jungen zu lieben, der niemals das gleiche Geschlecht liebt. Einen Jungen zu lieben, der Mädchen liebt – der Horror für Schwule. Nach diesem Videodreh musste ich mich abregen. Jermaine klingelte an der Tür nachdem Victor ging. Er hatte nur ein Shirt, eine kurze Hose und Flip Flops an. Wir gingen in mein Zimmer. Ich war immer noch alleine zu Hause. Ich konnte mich nicht beherrschen. Unter meiner Hose hatte ich noch nichts an. Ein Shirt hatte ich ebenfalls noch nicht angezogen. Ich wollte mich anziehen, doch Jermaine konnte nicht vor der Tür warten und platze rein. Ich stand da. Nackt. Der kleine Junge machte große Auge. Er hatte einen nervösen Anblick. Ich sprang vor die Tür und machte sie zu. Jermaine ist aber drinnen. Ich verschließe die Tür. Der kleine Junge läuft Schritt für Schritt nach hinten. Er stürzt auf mein Bett. Ich reiße ihm sein Shirt aus. Seine Hose öffne ich schließlich und ziehe seine kleine Boxershort aus. Er liegt nun ebenfalls nackt auf dem Bett...

 

Ich konnte nicht, aber ich wollte. Es tut mir so leid. Er ist 12 – ich bin ein Vergewaltiger. Mich kann keiner mehr retten, keiner kann die Zeit zurückdrehen. Ein Junge der mich nicht lieben kann, ein anderer Junge, der nicht versteht, was Liebe ist. Die letzte Erinnerung an Victor ist das Video. Die letzte Erinnerung an den Jungen ist eine Vergewaltigung. Ich machte Fehler. Zu viele auf einmal. Das Ende durch Probleme. Mein Ende anscheinend auch nicht. Ich verziehe mich nun. Ich stehe nun hier mal wieder. Auf der Brücke. Die einzige Brücke in diesem Dorf. Unter mir die einzige Möglichkeit mit einem Zug hier raus zu kommen. Mein Lieblingsplatz – eine Erinnerung für sich.

 

Ich lege langsam den Kopf von Jermaine auf ein Kissen und stehe auf. Der PC ist immer noch an, das Video ist im Pausenmodus. Ich starte das Video:

 

» Okay, das langt. Ich kann nicht mehr, außer Puste. Mehr als einmal geht halt nicht «, sagt Lenard fröhlich zu Victor und schließt die Handschellen wieder auf. » Ich denke mal, der Schlag wirkt auf dem Video total realistisch. Bearbeiten werde ich das Video aber heute nicht mehr, denn ich denke mal es gibt eine Fortsetzung, wenn wir schon beide schwul sind, oder? Treffen wir uns später an meiner Lieblingsbrücke? «. Victor lacht und antwortet: » Schwul? Du bist schwul? Ich bin schwul? Also Moment mal. Ich bin bestimmt nicht schwul. Ich dachte wir brauchten mal etwas Anderes als immer nur Mädchen, darum bin ich doch nur hier. Du bist schwul? Hätte mir doch klar sein müssen, so wie du dich an mich ran machst. Ich liebe ein Mädchen, das weißt du. Ich hätte dich akzeptiert, aber nicht so, wenn du nun die ganze Zeit schweigst. Das Video war okay, weil ich dachte du bist nicht schwul, aber nun muss ich gehen. Ich denke darüber nach «. Victor verlässt das Haus. Das Knallen der Tür hört man auf dem Video ebenfalls. Dann klingelt es. Lenard kommt der Kamera entgegen und beendet die Aufnahme. Das Video ist zu Ende. An der Tür klingelt wohl der Junge, so wie es in dem Buch vorhin stand. So langsam wird mir klar, dass Lenard die ganzen Probleme hat.

 

Jermaine ist wach geworden. Ich setze mich wieder zu ihm. » Wann hast du dieses Buch gelesen oder bekommen? «, frage ich ihn. » Heute früh habe ich es in seinem Zimmer gesehen «, antwortet mir Jermaine. Ich sage ihm eilig: » Wir müssen sofort los. Lenard wird sich etwas antun wollen. Nicht wegen dir, sondern wegen vielen Dingen von sich. Du musst mir zeigen, wo diese Brücke ist, wo Lenard häufig war. «

 

Ich weiß nicht, ob ich das Richtige mache. Ein 12-jähriger der vergewaltigt wurde soll mir den Weg zeigen zu dem Lieblingsplatz seines Vergewaltiger. Doch er ist mutig. Er führt mich zu dieser Brücke. Wir sehen von weitem Lenard. Jermaine bleibt stehen. Seine Augen werden rot. Es scheint so, als würden wieder Tränen fließen. Seine Gedanken kreuzen sich wieder, die Erinnerungen kommen hoch. Ich nehme ruckartig meine Hand vor seine Augen. Lenard hat uns nicht bemerkt. Hinter uns hören wir eine Sirene von einem Krankenwagen...